Warum Regeneration im Fokus des Terra Madre Salone del Gusto steht

15 Giugno 2022

Regeneration ist eines der übergreifenden Themen von Slow Food, das wir im Rahmen des diesjährigen Terra Madre Salone del Gusto aus verschiedenen Blickwinkeln diskutieren wollen. Was unsere heutige und mögliche zukünftige Ernährung angeht, vertritt Slow Food einen (öko)systemischen Ansatz, der politische Grenzen überwinden und dem Erfahrungsschatz von Gemeinschaften in allen Teilen der Welt angemessen Tribut zollen kann. Die Pandemie hat unser Leben verändert und sich in vielerlei Hinsicht auf unsere Beziehungen ausgewirkt: Beziehungen zwischen Menschen, zwischen Gemeinschaften, zwischen Menschheit und Umwelt. Viele Probleme, die es schon vor Covid-19 gab, haben sich deutlich verschärft, insbesondere was mangelnde gesellschaftliche Teilhabe und soziale Ungerechtigkeit angeht. Und die internationale geopolitische Lage kommt erschwerend hinzu. In diesen Zeiten haben die Basisprojekte und Communities von Slow Food wieder und wieder zeigen können, wie sie mit Durchhaltevermögen und innerer Kraft eine Welt aktiv mitgestalten, die ständiger Veränderung unterliegt. Terra Madre bietet die Gelegenheit, genauer aufzuzeigen, wie es ihnen gelingt, beispielhaft zur Bewältigung der aktuellen Klima-, Sozial- und Gesundheitskrisen und zur Verhinderung künftiger Konflikte beizutragen.

Regeneration ist zunächst ein natürlicher Prozess: Ein Baum verliert einen Ast; der Ast wächst nach. So kann auch ein durch Monokultur und chemischen Dünger ausgelaugter Boden durch landwirtschaftliche Praktiken regeneriert werden, die das Erdreich neu anreichern und so nährstoffreichere Ernten, eine abwechslungsreiche Ernährung und menschenwürdige Existenzgrundlage sichern können“, erläutert Edie Mukiibi, Vize-Präsident von Slow Food. „Auch verlassene Bergregionen können durch nachhaltige Viehzucht und Weidehaltung regeneriert und so der Entvölkerung des Hochlands entgegengewirkt werden. Süß- und Salzwasserökosysteme können mithilfe des traditionellen Wissens von Kulturen, die ihre Techniken über Jahrhunderte hinweg überliefert haben, wiederhergestellt werden. Und schließlich können unsere modernen Großstädte regeneriert werden, indem wir die Entfernung zwischen Nahrungsmittelproduktion und -konsum verringern. Diese Entfernung – die physische wie auch die psychologische – hat sich im Laufe der letzten hundert Jahre enorm vergrößert und dazu geführt, dass die Lebensmittelherstellung für die meisten von uns unsichtbar bleibt. Wir können diese Kluft schließen, indem wir uns heute wieder darauf besinnen, wo unser Essen herkommt, wer es täglich für uns herstellt, und dass gute, saubere und faire Lebensmittel für alle ein Grundrecht ist. In diesem Sinne ist Ziel der Bildungsarbeit von Slow Food ein besseres Verständnis und verbesserter Schutz für die biologische Vielfalt unserer Erde.“

Hinzu kommt, dass Regeneration letztlich uns allen und unserer Ernährung zugutekommt. „Während in den Jahren 2020 und 2021 vor allem unsere Widerstandsfähigkeit gefragt war, steht der Terra Madre Salone del Gusto des Jahres 2022 für einen radikalen Neuanfang, der beim Essen ansetzen kann und muss: Es geht um die Verbesserung landwirtschaftlicher Praktiken, um nachhaltige Herstellungs- und Vertriebssysteme, verankert in Richtlinien, die die Gemeinschaften konkret in die Lage versetzen, lokale Lebensmittelsysteme zu entwickeln und eine abwechslungsreiche Ernährung zu sichern – von den Metropolen bis hin zum entlegensten Dorf“, ergänzt Marta Messa, Geschäftsführerin von Slow Food Europe. „Wenn wir von Regeneration auf unseren Tellern sprechen, meinen wir eine grundsätzlich neue Sicht auf unsere Ernährung, die beispielsweise mehr Wert auf Hülsenfrüchte oder Wildfrüchte und unsere reiche biologische Vielfalt legt. Der Terra Madre Salone del Gusto bietet Besucherinnen und Besuchern die Gelegenheit, ihr Wissen über drei Versorgungsketten zu vertiefen, denen in Bezug auf Regeneration besondere Bedeutung zukommt.”

Wenn wir eine echte Regeneration unserer Städte, des ländlichen Raums, der Dörfer und der Lebensmittelherstellung und -verteilung erreichen wollen, müssen wir den angeblichen Widerspruch zwischen Innovation und Tradition überwinden. Erhalten wir ihn aufrecht, laufen wie Gefahr, als marginal und nostalgisch abgestempelt zu werden“, betont Carlo Petrini, Gründer von Slow Food. „Funktionierende Traditionen sind Treiber von Innovation. Das innovativste und revolutionärste Subjekt ist die Gemeinschaft, denn sie liefert genau die emotionale Sicherheit, die jeder echte Paradigmenwechsel als Sprungbrett braucht. Gemeinschaften sind Ausdruck einer Innovationsoffensive, die stets lokal verwurzelt ist und sich der Aktualität und weitreichenden positiven Effekte ihrer Traditionen bewusst ist. Gemeinschaften stehen für Glück, für Zufriedenheit – und können damit gleichzeitig Werkzeug für Veränderung und Ziel einer neuen Sozialität sein. Mit ihnen im Rücken sind wir für den langen Weg des agarökologischen Wandels, der vor uns liegt, gut gewappnet.“